3/03/2012

Tag #60

Marianne Kreft 
Sabine

Wenn Sabine Hunger hat, dann sagt sie:
Ich habe Hunger.
Wenn Sabine Durst hat, dann sagt sie:
Ich habe Durst.
Wenn Sabine Bauchweh hat, dann sagt sie:
Ich habe Bauchweh.
Dann bekommt sie zu essen,
zu trinken und auch 
eine Wärmflasche auf den Bauch.
Und wenn Sabine Angst hat, 
sagt sie nichts.
Und Sabine traurig ist,
dann sagt sie nichts. 
Und wenn Sabine böse ist,
dann sagt sie nichts.
Niemand weiß,
warum Sabine Angst hat.
Niemand weiß,
warum Sabine böse ist
Niemand kann Sabine verstehen,
und niemand kann Sabine helfen,
weil Sabine 
nicht über Sabine spricht.

Mir kamen in der Deutschstunde fast die Tränen, weil ich das Gedicht so schön fand'. Nicht nur schön - es passt zu mir. Es beschreibt meine Situation so genau, als hätte die Dichterin meine Gedanken gelesen. Ich frage mich immer öfter ob es so richtig ist, meine Gefühle zu verstecken, und ob alles besser wäre wenn ich jemandem alles erzählen könnte. Vielleicht... vielleicht wäre es wirklich besser. Vielleicht wäre alles anders.. 
Zwar erzähle ich meinen Freundinnen fast alles, aber das reicht mir nicht. Ich fühle mich dadurch nicht viel besser. Nur erleichterter. Aber ich möchte mich frei fühlen - frei und leicht. So leicht als würde ich höher, immer höher steigen und irgendwann den Himmel berühren. Ich würde die Welt von da oben ganz anders sehen, als wäre es ein Spielbrett mit winzig kleinen Figuren. Ich würde alles um mich herum vergessen und mich sorglos fühlen. Ich hätte keine Last mehr mit mir zu tragen, ich würde von Wolke zu Wolke springen und einfach frei sein ...

                        

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